12.05.2014

Fußball

Jagd auf die weißen Elefanten

Von Glüsing, Jens und Großekathöfer, Maik

Wird es bei der WM Demonstrationen und Straßenschlachten geben wie vor einem Jahr beim Confed Cup? Der Umbau des legendären Maracanã-Stadions zeigt, wie weit sich die Politiker vom Volk entfernt haben.

Hamilton Morães Theodoro ist Brasilianer, er liebt den Fußball, aber er will sich bei der Weltmeisterschaft in seinem Land kein Spiel angucken. Nicht im Stadion, nicht im Fernsehen. Er hat anderes vor. Wichtigeres, wie er meint.

Theodoro arbeitet als Lehrer in Angra dos Reis, er unterrichtet Geschichte an einer staatlichen Schule, und er sagt: "Unser Volk wird bei der WM bestohlen. Ich will nicht gern ins Gefängnis, aber das Risiko gehe ich ein. Ich muss auf die Straße und demonstrieren."

Er ist mit dem Bus nach Rio de Janeiro gekommen, in die Nähe des Zuckerhuts, drei Stunden lang ist er gefahren, um seine Geschichte zu erzählen. Er sitzt auf einem Sofa, die Hände im Schoß gefaltet wie zum Gebet, ein kleiner Mann von 37 Jahren in Jeans und gebügeltem Hemd. Theodoro bezeichnet sich als radikalen Aktivisten. Seine Frau und die Tochter warten im Zimmer nebenan, sie vertreiben sich die Zeit mit einer Telenovela.

Theodoro räuspert sich. "Ich sympathisiere mit denen, die sich der Staatsgewalt widersetzen. Die randalieren, weil sie ein Zeichen setzen möchten." Sie, das ist der Schwarze Block, das sind die Vermummten, die bei den Kundgebungen ganz vorn laufen. "Ich will nicht auf das Recht verzichten, meine Meinung frei zu äußern. Auch nicht, wenn der Preis hoch sein kann, der dafür von mir verlangt wird."

Er zeigt auf sein linkes Auge, dorthin, wo ihn das Gummigeschoss getroffen hat, abgefeuert von einem Polizisten. Ein, zwei Millimeter nur, und Theodoro hätte das Auge verloren.

Es geschah im vergangenen Sommer, bei den Protesten während des Confed Cups, der Generalprobe zur Weltmeisterschaft. Damals wurde die Generation Juni geboren: junge, gebildete Leute aus der Mittelschicht, die gegen korrupte Politiker demonstrieren, gegen die Verschwendung von Steuergeldern, gegen Machtmissbrauch. Gegen die WM.

Erst marschierten 500 Menschen, dann 5000, einen Tag später waren es 100 000, dann über eine Million. Autos brannten, Sirenen heulten, Steine flogen, sechs Demonstranten kamen ums Leben. "Não vai ter Copa do Mundo no Brasil!", riefen die Studenten, Kellner, Sekretärinnen: Es wird keine Weltmeisterschaft in Brasilien geben!

"Die WM findet statt", sagt Hamilton Morães Theodoro, "aber nicht so, wie sich die Fifa das vorstellt."

Was während der WM passiert? Ob es Straßenschlachten gibt? Was in Rio los ist, wo das Finale gespielt wird? Diese Fragen hängen über dem Turnier wie eine Wolkendecke aus Tränengas.

Theodoro ist wütend. Wütend, weil er nur 970 Real im Monat verdient, 300 Euro, was wenig ist für einen Lehrer. Beschämend wenig. Wütend, weil die Fahrkarten für den Bus teurer geworden sind. Weil der Strom ständig ausfällt. Der Verkehr kollabiert. Wütend, weil Fußballstadien in den Himmel wuchsen, während Schulen und Krankenhäuser zerfielen.

Die Fifa verlangte für die WM acht Stadien, zwölf ließ die brasilianische Regierung bauen oder modernisieren. Es ist Hybris. Zusammen haben die Stadien 2,7 Milliarden Euro gekostet, vielleicht auch mehr, niemand weiß es genau. Der Rechnungshof, das Sportministerium, das Portal für Transparenz: drei offizielle Stellen, und jede nennt andere Zahlen. Wie auch immer, kein Land gab bei einer anderen WM mehr aus. Und fast alles bezahlt mit öffentlichen Geldern.

Einen Monat dauert es nur noch bis zur Weltmeisterschaft, aber Vorfreude ist in Rio kaum zu spüren. Normalerweise malen die Menschen in Brasilien zu einer WM ihre Straßen an, streichen sie in den Farben des Landes, in Grün und Gelb und Blau, sie hängen Fahnen und Girlanden auf, sie veranstalten Wettbewerbe, wer sein Haus am schönsten verziert. Nichts davon ist bislang zu sehen.

"Die Leute haben keine Lust zu feiern", sagt Theodoro. Er befürchtet, die Polizei werde die Proteste während der WM niederknüppeln, will sich davon jedoch nicht einschüchtern lassen. "Ziviler Ungehorsam ist meine Pflicht."

Was wird bei der WM passieren? Gibt es Krawalle? Was wird in Rio los sein?

Draußen entlädt sich ein Gewitter, als Christopher Gaffney die Tür zu seiner Wohnung öffnet, in der Praia de Botafogo, zwölfte Etage. Er ist barfuß, trägt eine Cargohose und ein Leinenhemd. Gaffney, ein Amerikaner aus Vermont, lebt bereits seit fünf Jahren in Rio, er lehrt als Gastprofessor an der Universität Fluminense, gibt Seminare in Stadtentwicklung und forscht zu den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Weltmeisterschaft. Was er zu sagen hat, klingt nicht nach Fußball und Samba und Strand. Gaffney zeichnet ein düsteres Bild.

"Nicht nur Rio de Janeiro, nicht nur die Favelas: Ganz Brasilien wird sich in einem Kriegszustand befinden. Vor den Stadien werden so viele Polizisten, wird so viel Militär auflaufen, wie nötig ist, damit die WM ausgetragen werden kann", sagt Christopher Gaffney.

Er schreibt einen Blog mit dem Titel "Caçando Elefantes Brancos", Jagd auf weiße Elefanten. Er meint damit die Stadien, die nach der WM kein Mensch mehr braucht. In Manaus, in Cuiabá und Brasília gibt es keine Vereine, die in einer der zwei höchsten Ligen spielen.

Die größte Sünde aber ist für Gaffney die Renovierung des Estádio do Maracanã. Weil sie beispielhaft zeigt, wie weit sich die Politiker vom Volk entfernt haben.

Das Maracanã, dieses legendäre Stadion, ist die Heimat des brasilianischen Fußballs. Gewesen, muss man sagen. Für die WM ist es entkernt, umgebaut und seiner Seele beraubt worden.

"Es gab keinen Ort in Rio, nein, im ganzen Land, der demokratischer war als das Maracanã", sagt Gaffney. "Es war ein Ort für alle. Jetzt ist es nur noch für die bessere Gesellschaft."

Für die WM 1950 hatten 11 000 Arbeiter das Maracanã gebaut, als Europa noch in Trümmern lag. Ein betongegossenes Symbol gegen Rassismus und Diktatur. Die Tribüne war rund, damit jeder den gleichen Blick auf das Spielfeld hatte. Es gab nur zwei Ränge. Keine Blöcke. Jeder konnte stehen, wo er wollte. Wenn die Mannschaften die Seite wechselten, wechselten die Fans die Kurve.

Und jeder sollte Zugang haben. 200 000 Menschen passten ins Maracanã, ein Zehntel der Bevölkerung Rios, es war das größte Stadion der Welt. Die Karten im unteren Rang, im "Geral", dem Allgemeinen, waren so billig, dass sie selbst für Bettler erschwinglich waren.

Die Franzosen besaßen den Eiffelturm, die Amerikaner die Freiheitsstatue. Die Brasilianer das Maracanã.

Dreimal hat man es saniert. 1999 erhielt der Oberrang Sitzschalen, ab 2007 gab es gar keine Stehplätze mehr. 105 Millionen Euro hat der Umbau vor sieben Jahren gekostet, trotzdem ist für die WM noch einmal alles neu gemacht worden, nach Vorgaben der Fifa. Obwohl das Stadion unter Denkmalschutz steht, blieben lediglich die äußeren Pfeiler erhalten. 200 Millionen Euro sollte die Neugestaltung kosten, 400 Millionen sind es geworden. Steuergelder, wie gesagt.

Ein Konsortium aus drei Firmen betreibt jetzt das Maracanã, der Vertrag läuft über 35 Jahre. Das Stadion fasst nicht mehr halb so viele Besucher wie früher, dafür gibt es 125 Logen, jede 50 Quadratmeter groß, mit Bar und Terrasse. Das Maracanã sieht aus, wie ein Fifa-Stadion nun einmal aussieht. Es könnte überall stehen: in London, in Frankfurt, in Yokohama.

Christopher Gaffney sagt: "Sie haben aus dem Maracanã ein Einkaufszentrum mit Rasen in der Mitte gemacht. Eine Arena für das Fernsehen, nicht für die Brasilianer. Das ist kultureller Mord."

Es gibt bunte Klappstühle im Maracanã, aber die bleiben oft leer. Günstige Karten kosten 80 Real, knapp 26 Euro. Wer kann sich das noch leisten? Für das Spiel in der Rio-Meisterschaft zwischen Flamengo und Madureira zahlten 2487 Leute Eintritt.

Die Fans dürfen keine bengalischen Feuer mehr anzünden. Wenn sie große Fahnen und Banner mitbringen wollen, müssen sie sich das von der Polizei genehmigen lassen. Sie dürfen kein Bier trinken. Die Stimmung ist schlecht, weil fast nur noch die Oberschicht ins Maracanã kommt, und die singt nicht, weil sie keine Fanlieder kennt.

Gaffney ist Wissenschaftler, aber nicht objektiv. Er gehört einer landesweiten Organisation an, die Comitê Popular da Copa heißt, Volkskomitee der WM. Einer von vielen kleinen und großen Zirkeln, die sich engagieren. Jeden Dienstag trifft er sich mit den anderen Mitgliedern, 30 bis 50 Leute sind es in Rio, und dann planen sie ihre Aktionen.

Seit vier Jahren protestieren sie gegen die Privatisierung des Stadions. Sie marschieren mit Fahnen durch Rio, auf denen "O Maraca é nosso" steht, das Maracanã ist unser. Die Botschaft ist klar, jedenfalls das Gefühl dahinter.

64 Demonstrationen wollen die Aktivisten vom Volkskomitee bei der WM organisieren, für jedes Spiel eine. Ihr Ziel ist es, mindestens eine Partie zu verhindern. Die Engländer haben sie sich ausgeguckt, bei denen könnte es klappen.

Die Mannschaft schlägt ihr Quartier im Stadtteil São Conrado auf, es ist nicht weit an den Strand von Ipanema. Auf dem Weg zum Flughafen müssen die Engländer durch einen Tunnel, und den wollen die Demonstranten blockieren. "Wenn uns das gelingt, wäre es historisch", sagt Gaffney.

Auch er hat schon im vorigen Jahr protestiert. Eine Gasmaske besitzt er nicht, er schützt sich vor dem Reizgas der Polizei mit Essig, Milch und Zitrone. Gaffney klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch: Verletzt wurde er bisher nicht.

Seiner Meinung nach hat die WM nur einen Zweck: der Fifa einen satten Gewinn zu bescheren. "Die Leute haben das durchschaut. Darum werden sie wieder marschieren. Und die Demos werden wesentlich brutaler ablaufen als beim Confed Cup", sagt er.

Gaffney kämpft, weil die Regierung die Wünsche der Fifa mehr als erfüllt. Aber nicht hält, was sie der Bevölkerung versprochen hat.

Als Brasilien die Weltmeisterschaft bekam, im Oktober 2007, hofften die Menschen in Brasilien, nun würden endlich die Straßen erneuert, die U-Bahn-Linien erweitert, aber von den 49 Großprojekten, die in diesem Sommer fertig werden sollten, stehen 13 still, sind verkleinert worden oder verschoben.

Zwischen Rio und São Paulo, den beiden größten Städten des Landes, sollte bis zur WM eine Schnellbahn gebaut werden, doch die Arbeiten haben noch nicht einmal begonnen.

"Ich protestiere, weil ich Steuern zahle und nichts dafür zurückbekomme", sagt Gaffney. "Ich protestiere gegen das parasitäre Verhältnis der Fifa zu Brasilien. Sie saugt das Land aus."

Die Brasilianer, die auf die Straße gehen, haben nichts gegen Fußball. Im Gegenteil. Sie haben auch nichts gegen eine Weltmeisterschaft. Was sie verabscheuen, das ist der 2014 Fifa World Cup Brazil. Die Warenmarke mit ihren Bedingungen, Vorschriften, Lizenzen.

In der Favela Santa Marta, hoch über dem Meer, nicht weit von der Christusstatue gelegen, befindet sich ein Fußballplatz. Ein zerfetzter Teppich aus Kunstrasen, der auf Beton liegt. In den Gassen riecht es nach Knoblauch und Hundescheiße. An diesem Sonntag treffen sich acht Mannschaften zu einem Turnier. Die Spieler sind Straßenhändler, die am Maracanã Teigtaschen verkauft haben und vertrieben worden sind. Männer und Frauen, die wegen der WM umsiedeln mussten. Vertreter der Nationalen Fanfront, die das neue Stadion verschmähen. Vier gegen vier, für 15 Minuten. Mütter mit Babys hocken auf Dächern und gucken zu.

Am Zaun, der das Feld umgibt, hängen Plakate, auf einem steht: "Du wirst sehen, dass ein Fan nicht vor dem Kampf davonläuft." Eine Band aus der Favela trommelt, ein DJ legt Funk-Carioca auf, und ein paar Mädchen lassen ihre Hüfte kreisen. Eine Frau verkauft Hühnereintopf und kaltes Brahma-Lager. Drei dieser Veranstaltungen soll es bis zur Weltmeisterschaft noch geben, jeweils in einer anderen Favela.

Ein Stück der Fifa-Welt befindet sich auf einem tristen Platz im Schatten des Maracanã. Pfadfinder und Schüler in sauberen Uniformen steigen aus Bussen und reihen sich vor einem roten Würfel aus Leichtbauwänden auf, einem Pavillon von Coca-Cola. In dem Gebäude laufen Videos auf großen Leinwänden, zu sehen sind Kinder, die im Staub Fußball spielen, lachende Gesichter in Nahaufnahme, Palmen und ein Sonnenuntergang. Heile Welt. Coca-Cola sponsert die WM. Die Filme sind Fifa-Propaganda.

Im hintersten Raum des Pavillons steht der WM-Pokal in einer Vitrine aus Panzerglas, gut sechs Kilo schwer, 18-karätiges Gold. Jeder Besucher darf sich für ein Foto neben ihn stellen, zehn Sekunden, dann ist der nächste dran. Vier Tage lang macht die Fifa World Cup Trophy Tour by Coca-Cola in Rio halt, dann wandert sie weiter nach Porto Alegre, in den Süden. 27 Stationen in ganz Brasilien. Wie eine Massenimpfung gegen die WM-Wut.

Im Maracanã selbst gehen zwei Dutzend Touristen aus Uruguay, Deutschland, Italien durch die vertäfelten Katakomben zu den Umkleidekabinen. Sie haben eine Führung durch das leere Stadion gebucht, fotografieren die Duschen und streicheln die Spinde, als wären es Schreine. Dann laufen sie an einer roten Digitaluhr vorbei, drei Stufen hinunter in den Tunnel, der auf den Platz führt. Aus zwei Lautsprechern ist Jubel zu hören.

In diesem Moment kommt man sich ein bisschen vor wie Philipp Lahm oder Lionel Messi oder Neymar - oder wer auch immer hier stehen wird am 13. Juli, dem Tag des Endspiels. Man ahnt, wie es sein könnte: die Anspannung, der Rausch.

Während des Confed Cups, als das Finale gerade begonnen hatte, als die Proteste vor dem Stadion eskalierten, wehte das Tränengas bis auf die Tribünen. Was wird bei der WM passieren?

Der Bildschirmschoner des iPhones von Major André Batista sieht so aus: zwei gekreuzte Pistolen, davor ein Totenschädel, in dem ein Messer steckt. Das Wappen der Bope, des Bataillons für spezielle Polizeioperationen. Batista ist stellvertretender Kommandant der 400 Mann starken Elitetruppe, die gegen die Drogenmafia in den Favelas kämpft, Geiseln befreit, Gefängnisrevolten niederschlägt. Die Bope gilt als effizient. Und als kompromisslos. Manche sagen: brutal. Für die Weltmeisterschaft nimmt Batista einen anderen Posten ein. Seine Aufgabe lautet, die Sicherheit außerhalb des Maracanã zu garantieren.

Seit 22 Jahren ist er bei der Polizei, 10 Jahre hat er in den Favelas Dienst geschoben, war bei zahllosen Schießereien dabei. "Wenn du nicht tötest, bringt dich der andere um", sagt er. Sein Gesicht bleibt regungslos.

Wie viele Menschen hat er erschossen?

"Ich töte nicht. Es ist der Staat, der tötet."

Batista rechnet mit Protesten, "es wird Aufstände geben". Bei jedem Spiel kann er bis zu 10 000 Polizisten der extra für die WM gegründeten Riot Force einsetzen. "Ich denke aber nicht, dass Panzer auf der Straße fahren werden." Möglicherweise fliegen Drohnen am Himmel, die Testphase läuft noch.

Die Polizei arbeitet mit dem Geheimdienst zusammen, sie wissen, dass sich die Demonstranten in den sozialen Netzwerken organisieren, bei Twitter, auf der Facebook-Seite von Anonymous Rio. Sie versuchen, die Gruppen zu infiltrieren, ihre Leute einzuschleusen. Die Polizei weiß mehr über die Aktivisten als noch vor einem Jahr, sie kennt die Strukturen, die Anführer.

"Wir wissen, was diese Leute bewegt und wie sie sich bewegen", sagt Batista. "Was wir nicht wissen: Haben sie Wasserflaschen im Rucksack oder Molotowcocktails?"

Der brasilianische Verteidigungsminister bezeichnete Demonstranten in einem Dokument als "gegnerische Kräfte". Seit September ist es in Rio verboten, sich bei einer Demonstration zu maskieren, mit Sturmhaube, Schal oder Mütze. Die Regierung diskutiert gerade ein Anti-Terror-Gesetz, das so vage formuliert ist, dass jeder, der bei einem Protestmarsch verhaftet wird, als Terrorist betrachtet werden könnte. Vandalismus könnte als Terrorismus eingestuft und entsprechend bestraft werden.

"Gewalt erzeugt Gegengewalt", sagt Batista. Er versteht, warum die Menschen demonstrieren, "aber meine Aufgabe ist es, die öffentliche Ordnung zu verteidigen". Er hofft, dass die Proteste friedlich bleiben.

Es kann gut gehen. Muss es aber nicht.

Ein Teil der militanten Demonstranten, diejenigen, die den Schwarzen Block bilden, kommen aus den Favelas. Aus einem Armenviertel wie Jacarezinho, sechs Kilometer vom Maracanã entfernt, 60 000 Einwohner, Cracksüchtige, keine Kanalisation, keine Müllabfuhr, verwahrloste Kinder spielen zwischen Ratten. Romário ist hier aufgewachsen, Weltfußballer 1994, inzwischen Abgeordneter im brasilianischen Nationalkongress.

Seit sieben Jahren arbeitet der protestantische Theologe Antônio Carlos Costa in Jacarezinho für die Organisation Rio de Paz, Friede von Rio. Er ist kein religiöser Eiferer, er wirkt erschöpft, wenn er redet.

"Die Menschen hier, die jungen Leute zwischen 16 und 28, haben den Wunsch, gehört zu werden. Sie sehnen sich nach Aufmerksamkeit", sagt er. "Die WM ist eine ideale Gelegenheit." Er wisse nicht, was passieren werde. "Ein Toter, und die Situation gerät vielleicht außer Kontrolle. Die Leute aus den Favelas können es schaffen, Rio lahmzulegen."

Sein Büro liegt über einer Bäckerei, jemand bringt eine Pizza. Während Costa spricht, kritzelt er auf einen Bogen Papier. Er brauchte nur ein Prozent des Geldes, das in den Umbau des Maracanã gesteckt wurde, sagt er, um dem Verbrechen in der Favela einen Schlag zu versetzen, um dem Drogenhandel den Nährboden zu entziehen. Um dafür zu sorgen, dass die Kinder zur Schule gehen, statt Pornos im Internet zu gucken.

Während der WM will er in jeder freien Minute demonstrieren. "Es ist obszön, von unserem Land eine WM nach europäischen Maßstäben zu verlangen. Unsere Regierung ist krank, weil sie sich darauf eingelassen hat. Wir werden von der WM nichts haben. Für uns ändert sich nichts."

Im Februar ist er in die Schweiz gereist, er war in Zürich, wo die Zentrale der Fifa sitzt. Zwölf Fußbälle hat er vor den Eingang gelegt, für jeden Spielort einen. Auf den Bällen klebte ein rotes Kreuz, als Sinnbild für all die Menschen, die gestorben sind, weil sein Land in die WM investiert hat statt in Ärzte. Er hielt eine Tafel hoch mit der Aufschrift: "WM 2014 - wer verdient mehr? Die Fifa, die Unternehmer oder das brasilianische Volk?"

Ein Pressesprecher antwortete ihm per Mail. Erklärte, wie groß das soziale Gewissen der Fifa sei und wie viel Gutes sie für die Welt tue.

Costa wünscht sich, dass Joseph Blatter, der Fifa-Präsident, während der WM nach Jacarezinho kommt. Für eine halbe Stunde nur. Er würde sich mit ihm an das Ufer des stinkenden, von Fäkalien verseuchten Flusses stellen, der durch die Favela fließt. "Ich würde meinen Arm auf seine Schulter legen und fragen: Herr Blatter, wenn das Ihre Heimat wäre, würden Sie hier eine WM wollen? Würden Sie wollen, dass Ihre Regierung Geld für ein Fußballturnier ausgibt? Was sagt Ihnen Ihr Gewissen?"

Es ist spät geworden, und Costa muss noch einen Freigänger zurück ins Gefängnis bringen. Er geht zu seinem Wagen, öffnet die Tür, doch bevor er einsteigt, hält er kurz inne. Und sagt: "Ich habe keinen Zweifel, dass sie bei der Fifa denken: Was haben wir uns da mit Brasilien bloß eingebrockt?" Dann fährt er los.


DER SPIEGEL 20/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 20/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fußball:
Jagd auf die weißen Elefanten